Physik5a Geozentrismus mod2014Moderner Geozentrismus

Paul Natterer
2009
25 Seiten
Sprache: Deutsch
Reihe: Aufsätze zur Philosophie der Naturwissenschaften
Ausgabe: PDF-Datei
Format: DIN A4

 

Datenübertragung:

Moderner Geozentrismus

Artikelbeschreibung

Wenn man die Relativitätstheorie akzeptiert, gibt es bekanntlich keinen absoluten physikalischen Raum, auch keinen physikalischen Mittelpunkt des Universums sowie keine absolute physikalische Zeit. Diese und andere Gesichtspunkte haben zu neuen Versuchen geführt, für ein geozentrisches Weltbild zu argumentieren. Harte Geozentriker gehen (a) meist davon aus, dass die geozentrische Weltbeschreibung physikalische Wirklichkeit ist und nicht nur (b) eine - nach der modernen Physik stets mögliche - freie Wahl eines Bezugssystems, so die gemäßigte Spielart. Der letztere Standpunkt (b) akzeptiert alle Beobachtungsdaten und Theorien der physikalischen Standardtheorie. Er stützt die geozentrische Annahme auf die Allgemeine Relativitätstheorie, die u.a. besagt, dass alle physikalischen Erscheinungen widerspruchsfrei in jedem beliebigen Bezugssystem beschrieben und erklärt werden können und dass es physikalisch kein bevorzugtes Bezugssystem gibt.

T. Brahe [WikiCommons]Der verbreitetste geozentrische Ansatz unter modernen Geozentristen ist jener des Tychonischen Systems (von Tycho von Brahe, 1546-1601), das ptolemäisch-geozentrische und kopernikanisch-heliozentrische Gesichtspunkte vereint: Im Zentrum ruht, wie im ptolemäischen Weltbild auch, die Erde. Um sie kreisen Mond und Sonne, aber alle anderen Himmelskörper bewegen sich wie bei Kopernikus um die Sonne. Nur die äußerste Sphäre mit den Fixsternen bewegt sich in 24 Stunden einmal um die Erde. [Bild rechts, GNU FDL: Tycho Brahe, 1546-1601, dänischer Astronom von Weltgeltung, der die professionellsten Sternwarten der Zeit: Uranienborg und Stjerneborg, auf der Öresundinsel Ven einrichtete, und später in Prag als mathematisch-naturwissenschaftlicher Berater des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches tätig war, in welchem Amt ihm der bahnbrechende Kopernikaner Johannes Kepler (1571-1630) nachfolgte]

Man ist geneigt, dies für eine abwegige Diskussion wissenschaftlicher Phantasten oder religiöser Querulanten zu halten. Damit kann die Sache jedoch nicht erledigt werden, denn die grundsätzliche physikalische Möglichkeit und Begründungsfähigkeit des geozentrischen Weltbildes wurde und wird von maßgeblichen Autoritäten der modernen Physik ohne weiteres zugegeben. Max Born (1882-1970, einer der Väter der modernen Physik in Zusammenarbeit mit Planck, Einstein und Heisenberg) sagt dazu beispielsweise in einem berühmten Buch Einstein's Theory of Relativity, Dover Publications 1962, 345 (orig.: Die Relativitätstheorie Einsteins 5. Aufl. Berlin 1965 [1. Aufl. 1920]): "Wir können gerne zu Ptolemaios' Betrachtungsweise einer unbewegten Erde zurückkehren [...] Von Einsteins Standpunkt haben Ptolemaios und Kopernikus gleichermaßen Recht." Von Albert Einstein wurde dies auch selbst bekräftigt, in The Evolution of Physics, Cambridge 1938, 248: "Either CS [= coordinate system] could be used with equal justification." / „Beide Kordinatensysteme können mit gleicher Berechtigung verwendet werden“.

Ähnlich Fred Hoyle, Stephen Hawking und sein südafrikanischer Forschungskollege George Ellis (*1939), der ins Relief hebt, dass die Entscheidung für oder gegen das geozentrische Modell nur auf „philosophischer Basis“ und „unter Anwendung philosophischer Kriterien“ getroffen und begründet werden kann. Er sagt dazu: "I can construct you a spherically symmetrical universe with Earth at its center, and you cannot disprove it based on observations". Auch Stephen Hawking stellt in A Brief History of Time [dt.: Eine kurze Geschichte der Zeit.Die Suche nach der Weltformel, Reinbek bei Hamburg 1997] fest, dass die Beobachtungsdaten die Deutung nahelegen, „dass wir im Zentrum des Universums sein müssen“ und dass wir „keinen wissenschaftlichen Beweis für oder gegen eine andere Deutung“ der Daten haben (Belege zu den Zitaten finden Sie in dem vorliegenden Aufsatz).

Speziell Ellis' Anliegen ist, "to bring into the open ... the fact that we are using philosophical criteria in choosing our models." Das Ganze ist ein Sonderfall der Einsicht der modernen historisch ausgerichteten Wissenschaftstheorie, wonach der normale Wissenschaftsbetrieb sich innerhalb sog. Paradigmen vollzieht, die selber nicht wissenschaftlich begründet werden (können), sondern nur aufgrund philosophischer, religiöser oder auch denkökonomischer Kriterien. Die nackten Beobachtungsdaten lassen fast immer mehrere Deutungen zu. So gibt es auch heute bedeutende Beobachtungen, welche besser mit dem geozentrischen Modell erklärbar sind. Auf der anderen Seite ist natürlich auch die geozentrische Hypothese für eine ganze Reihe von Beobachtungen unter Erklärungspflicht. 

Zu Geschichte und Pro und Contra des modernen Geozentrismus finden Interessierte mehr in dem hier vorgestellten Papier.