Wissenschaftsphilosophie Wunder modZur Wissenschaftsphilosophie des Wunders

Paul Natterer
Aufsätze zur Religionsphilosophie

2014
39 Seiten
Sprache: Deutsch
Ausgabe: PDF-Datei
Format: DIN A4

 

Datenübermittlung:

Zur Wissenschaftsphilosophie des Wunders

 

Artikelbeschreibung

An keiner anderen Stelle der Tora und des Tanakh (Altes Testament) überhaupt wird eine so starke Konzentration von außergewöhnlichen, physischen und metaphysischen Zeichen oder Machttaten angetroffen wie in den Vorgängen vor (Ägyptische Plagen), während (Meerwunder) und nach (Sinaitheophanie) dem Exodus. Sie sind vorrangig mit der Person und dem Wirken des Moses verbunden.

Im Neuen Testament findet sich eine parallele Konzentration außergewöhnlicher, physischer und metaphysischer Zeichen oder Machttaten in der (nach dem Johannesevangelium) dreijährigen öffentlichen Wirksamkeit Jesu.

Ein religionswissenschaftliches Standardwerk zum Neuen Testament ist im deutschen Sprachraum zur Zeit Gerd Theissen/Annette Merz: Der historische Jesus, Göttingen, 3. Aufl. 2001 [1. Aufl. 1996]. Das in mehrere Sprachen übersetzte Buch ist aber auch z.B. in der angloamerikanischen Forschung stark präsent. Die Heidelberger Autoren Theissen/Merz sind insoweit repräsentativ für das gegenwärtige Denken über das Thema. Repräsentativ für eine verbreitete Einstellung ist auch ihre postmoderne Offenheit für Mentales, Paranormales und Transzendenz in Verbindung mit einer letztlich naturalistischen / rationalistischen Ontologie. Sie sagen zu unserem Thema:

Auf keine antike Einzelperson wurden so viele Wunderüberlieferungen konzentriert wie auf Jesus. Die Wunderüberlieferung ist darüber hinaus in Wort- und Erzählüberlieferung doppelt bezeugt und wurde schon im NT von Gegnern (!) zum Anlaß von Vorwürfen gegen Jesus gemacht (Mk 3, 22ff par.). Daß Jesus charismatischer Exorzist und Wunderheiler war, läßt sich nicht bestreiten.“ (Gerd Theissen/Annette Merz a.a.O. 2001, 115)

„So wie die Gottesherrschaft im Zentrum der Verkündigung Jesu steht, bilden Heilungen und Exorzismen ein Zentrum seines Wirkens. Gewiß hat Jesus nicht nur Wunder getan […] Seine Zeitgenossen aber hat Jesus vor allem durch Wunder beeindruckt und irritiert. Bei modernen historisch-kritisch Forschenden überwiegt die Irritation [...] Wunder [sind] in so vielen alten Überlieferungsschichten bezeugt, daß an ihrem historischen Hintergrund kein Zweifel besteht.“ (Theissen/Merz 32001, 256)

Die Parallele zwischen Tora und Evangelium ist ausdrücklich: „So wie sich in den Wundern des Mose damals der Exodus anbahnte, so in den Exorzismen [Jesu] heute die Befreiung Israels durch das Reich Gottes.“ (Theissen/Merz 2001, 238):

„Die Einzigartigkeit der Wunder des historischen Jesus liegt darin, daß gegenwärtig geschehenden Heilungen und Exorzismen eine eschatologische Bedeutung zugesprochen wird. In ihnen beginnt eine neue Welt […] Nirgendwo sonst finden wir einen Wundercharismatiker, dessen Wundertaten das Ende einer alten und der Beginn einer neuen Welt sein sollen. Auf die Wunder fällt dadurch ein ungeheurer Akzent (und es ist unhistorisch, ihre Bedeutung für den historischen Jesus zu relativieren).“ (Theissen/Merz 2001, 279)

Die von christlichen Apologeten seit der Antike hervorgehobenen Gesichtspunkte im Zusammenhang der Wunderüberlieferung des Alten und Neuen Testamentes sind auch von Skeptikern oder Gegnern zuzugeben: nüchterner Stil – keine Phantastik – keine Beschränkung auf physikalische oder biologische Grenzerscheinungen – keine Leugnung durch Gegner, sondern Rückführung auf Zauberei und Dämonie. Die bis in die 1970er Jahre vorgetragenen Deutungen absichtsloser oder bewusster mythischer Einkleidung (z.B. als sog. ideale Szene oder biographisches Apophtegma bei R. Bultmann oder als veranschaulichendes Interpretament bei W. Marxen) gelten heute als unhistorisch. Sie verkennen die psychologische Situation, welche durch die kritische Kontrolle seitens derselben Öffentlichkeit vorlag, aus welcher - z.B. in der Bekehrungswelle nach Pfingsten (Apostelgeschichte 1ff) - nachweisbar Tausende aufgrund selbst miterlebter Zeichen und Wunder Christen wurden. Vgl. die erste christliche Rede oder Predigt überhaupt durch den Apostel Petrus an Pfingsten: "Israeliten, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer hat Gott vor euch beglaubigt durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst" (Apg. 2, 22).

Das Skript behandelt die Wissenschaftsphilosophie des Wunders im Allgemeinen. Es stellt einen erweiterten Auszug dar aus Verf.: Späte Bronze- und frühe Eisenzeit in der Tora: Exodus und Landnahme, E-Buch 2010, Abschnitt (1) Wissenschaftstheoretische Vorbemerkungen (S. 1–8) und (5) Exodus 14–15: Auszug und Meerwunder (S. 25–32). Das Skript hat diese Gliederung:

(1) Wunder in Tora und Evangelium

(2) Wunder quoad substantiam und quoad modum

(3) Moderne Missverständnisse der kantischen Philosophie zur Möglichkeit und Tatsächlichkeit von Wundern

(4) Die Philosophie der Naturwissenschaften zur Möglichkeit von Wundern

(5) Sozialpsychologische Gesichtspunkte in der Beurteilung der Wunder des prophetischen Theismus in Altem und Neuem Testament

(6) Naturalistisches Paradigma

(7) Wunder als – wissenschaftlich und juristisch dokumentiertes – universelles Phänomen

(8) Fallstudie I: Vita Sancti Martini / Das Leben des Hl. Martin

(9) Fallstudie II: U. L. Frau von Guadelupe in Mexiko-Stadt