Wissenschaftsphilosophie Nichtmat LebensformenZur Wissenschaftsphilosophie nichtmaterieller Lebensformen

Paul Natterer
Aufsätze zur Religionsphilosophie

2014
14 Seiten
Sprache: Deutsch
Ausgabe: PDF-Datei
Format: 15,5 x 22 cm

 

Datenübermittlung:

Wissenschaftsphilosophie nichtmaterieller Lebensformen

Artikelbeschreibung

In Genesis 3 wird der Leser der Tora [Pentateuch] zum ersten Mal mit nichtmateriellen intelligenten Lebensformen konfrontiert, da die Schlange (Genesis 3, 1–6) am Anfang des Textes nach dem Kontext des Tanakh [Altes Testament] Manifestationsmedium einer solchen Lebensform ist und die Cherubim (Genesis 3, 24) an dessen Ende ebenfalls solche Lebensformen sind. Zugleich ist eine unterschiedliche ethische Ausprägung derselben angesprochen: Gut (Engel) und Böse (Dämonen). Dabei gilt, dass das Bewusstsein oder die Überzeugung von der Existenz solcher mentaler oder geistiger Substanzen kein Sondergut der Tora ist, sondern praktisch Allgemeingut der vor- und frühgeschichtlichen Überlieferung.

Die Existenz nichtmaterieller intelligenter Lebensformen stellt sich wissenschaftstheoretisch und religionsphilosophisch so dar, dass deren Möglichkeit ohne weiteres zuzugegeben ist. Für unser heutiges wissenschaftliches und philosophisches Weltbild ist deren Existenz an sich plausibler und naheliegender als etwa unsere komplexe menschliche Lebensform.

Die Möglichkeit nichtmaterieller intelligenter Lebensformen ist auch vom aktuellen Reflexionsniveau der Erkenntnistheorie und Philosophie des Geistes an sich plausibler und naheliegender ist als unsere eigene komplexe Lebensform.

Was die tatsächliche Existenz nichtmaterieller intelligenter Lebensformen angeht, so hängt diese – neben sonstigen vorgeschichtlichen, geschichtlichen und zeitgenössischen religiösen Traditionen – mit Kontakten und Erfahrungen praktisch aller normativen Persönlichkeiten des prophetischen Theismus mit denselben in geschichtlicher Zeit zusammen. Auch und besonders die Exorzismen des Neuen Testamentes konfrontieren den Leser der Berichte mit der Existenz nichtmaterieller Lebensformen: „Heilungen und Exorzismen [bilden] ein Zentrum seines [= Jesu] Wirkens. Gewiß hat Jesus nicht nur Wunder getan […] Seine Zeitgenossen aber hat Jesus vor allem durch Wunder beeindruckt und irritiert.“ (Gerd Theissen/Annette Merz: Der historische Jesus, Göttingen, 3. Aufl. 2001, 256)

Auch der Ritus der Taufe, der weltgeschichtlich mit Abstand häufigste und global verbreitetste Initiationsritus, verpflichtet zur Annahme nichtmaterieller Lebensformen. Von der derzeitigen Weltbevölkerung haben 2,2 Milliarden Menschen diesen Initiationsritus durchlaufen, darunter die große Mehrheit der Menschen aller Völker Europas, Lateinamerikas, Nordamerikas, Schwarzafrikas, Nordasiens sowie Australiens und Ozeaniens. Theologisch und geschichtlich besonders ausgezeichnet ist die klassische Tauftradition der Römischen Kirche. Sie ist seit zwei Jahrtausenden für die gesamte westliche Welt grundlegend. Der Ritus der Erwachsenentaufe umfasst hier fünf und jener der Kindertaufe zwei Exorzismen.

Eine religionsphilosophische Evaluation dieses Lehrstücks und der berichteten Erfahrungen sollte auf dem Hintergrund der Ergebnisse aus der Rekonstruktion der Weltanschauung der Tora erfolgen: Die Religion der Tora und des Tanakh ist in entscheidender Hinsicht Religionskritik nach außen und Kultkritik nach innen. Sie versteht sich als eine Religion der Vernunft und der Ethik. A fortiori ist das das Selbstverständnis des Neuen Testamentes. Dazu genügt die Lektüre von Augustinus' De civitate dei (Vom Gottesstaat, 413-426 n. C.). Es ist die umfassendste und reflektierteste wissenschaftliche Darstellung und Kritik der römisch-griechischen und überhaupt indogermanischen Götterwelt in Theorie und Praxis, durch einen der brillantesten Analytiker der antiken Zivilisation. Sie verbindet unmittelbares persönliches Erleben derselben mit Aufarbeitung aller wichtigen religionsphilosophischen Autoren der Antike - unter fortlaufender Konfrontation mit dem prophetischen Theismus des alt- und neutestamentlichen Israel. Der Leser wird nun feststellen, dass diese Geschichts- und Religionsanalyse durchgängig die in Rede stehende metaphysische Dimension einbezieht. Sie wird verstanden als integraler Bestandteil vernünftiger Aufklärung über den Menschen, das Universum und Gott, und radikaler Religionskritik im Namen der Rationalität und Humanität.